Seiten

Sonntag, 19. Juni 2011

IBM ist 100 – und kaum einer kennt die Erfindungen

IBM ist 100 – und kaum einer kennt die Erfindungen:
Die Firma IBM ist 100 Jahre alt geworden. Wir wünschen nicht nur alles Gute zum Geburtstag sondern haben uns einmal angesehen, was das innovativste Unternehmen in den USA in seiner Geschichte bereits alles erfunden hat. Und das ist nicht nur der Supercomputer Watson, die ThinkPad-Notebooks sondern auch tausende anderer Geräte, die unser Leben beeinflussen.

Wir unterhielten uns mit dem IBM-Archivar Paul Lasewicz, der uns einiges über die Mitarbeiter, die Maschinen und die Ideen verraten hat, die von IBM stammen.

Frage: Es wurde viel über Watson und Deep Blue sowie dem ThinkPad und andere Meilensteine geschrieben, die von IBM stammen. Aber was sind die Erfindungen, die keiner IBM zuschreiben würde?

Antwort: Das Sozialprogramm der USA in den 30er Jahren hätte so niemals stattfinden können, wenn IBM nicht einige Maschinen entwickelt hätte, die tatsächlich das ausführten, was Franklin Roosevelt mit dem Gesetz wollte. Das beeinflusst noch heute das Leben der Menschen.

Ein weiteres Beispiel ist vielleicht die Magnetband-Selectric, die 1964 auf den Markt kam und so etwas wie die erstge Maschine war, die Textverarbeitung erlaubte. Es war das erste mal, dass man etwas schreiben konnte und sich keine Sorgen um Tippfehler machen mussste, weil man zurück gehen und diese korrigieren konnte.

Und die Silizium-Germanium-Technologie, die heute in jedem Mobilrechner und Handy steckt, wurde von IBM erfunden. Keiner weiß, dass die dahinterliegende Technik etwas ist, das aus den IBM Forschungslaboren stammt.

Außerhalb unseres Hauptgeschäftes, arbeiteten wir in den frühen 50er Jahren mit einem Dr. John Gibbon zusammen, der die erste funktionierende Herz- Lungenmaschine der Welt entwickelte. Wir haben die Konstruktion der Maschine für ihn übernommen. Wir haben daraus kein Produkt gemacht. Wir haben die Technik gespendet, weil es einfach etwas zuweit ab von dem war, mit dem wir unser Geld verdienen.

Ein anderes Beispiel von IBMs Engagement im Gesundheitssektor waren die Impf- Versuchsreihen von Jonas Salk gegen Polio (Kinderlähmung). Wir haben Rechenmaschinen verwendet, um die Wirksamkeit der Impfung sicherzustellen. Damals wurden die Versuche an Millionen von Menschen überall in den USA gemacht und man sammelte die Daten und wertete sie mit Rechenmaschinen aus um zu sehen, ob die Impfung wirkte. Das war vor 50 Jahren.



Frage: Und IBM entwickelte das erste Smartphone 1994.

Antwort: Richtig, das war der Simon.

Frage: Aber ihm war kein kommerzieller Erfolg beschieden. Wie stand IBM zum Technikfortschritt gegenüber der kommerziellen Anwendung der Technik?

Antwort: Ich denke schon dass Simon ein kommerzielles Produkt war. Aber wir arbeiteten damals mit BellSouth zusammen und übergaben ihnen die Technik. Deswegen kann ich kann darüber nicht wirklich sprechen. Aber IBM gilt zusammen mit BellSouth als Erfinder des Smartphones.

Im Hinblick auf das Hauptaugenmerk ist das ein Henne-Ei-Problem. Bis zu einem gewissen Maß forscht man und probiert dann aus, wie man es verwenden könnte, um Probleme zu lösen. Also geht die Forschung vor und danach kommt die kommerzielle Anwendung.

Es gibt zahlreiche Beispiele aus IBMs Geschichte, wo man eine Technik erfand, für die die Zeit einfach noch nicht reif war. Häufig wurden die Anwendungen erst später populär. Es gab zum Beispiel einee Entwickklung mit MCA in den späten 70er Jahren, die Discovision hieß. Blockbuster (US-Videokette) macht heute sein geschäft mit dem Vermieten von Film-DVDs, auf sich die Leute zu Hause ansehen. Discovision verfolgte die gleiche Idee schon 1979, aber die Scheiben waren eben so groß wie eine Langspielplatte. Aber es war das gleiche Konzept.

Es gab auch Dienstleistungen wie Prodigy. Das war eine Partnerschaft zwischen IBM und der US-Versandkette Sears und einer Telekommunikationsfirma in den 80er Jahren. Das ist ein Beispiel, wo man vielleicht ein bisschen der Zeit voraus war, weil das Konzept für Online-Shopping war da, aber es fehlte ein sinnvolles Transportmedium. Das Internet. Deshalb war es etwas schwierig Leute davon zu überzeugen, sich bei Prodigy anzumelden und online einzukaufen. Aber eine Menge von Konzepten und Techniken waren schon in den 80er Jahren fertiggestellt worden. Nur ein bisschen zu früh. Manchmal ist es schmerzhaft, zu visionär zu sein.

Frage: Auch bei den bekannten Technologien, die von IBM kommen, ist es sehr selten, dass man die Namen der Erfinder kennt. Wer waren einige der besten Ideenentwickler in der Firma?

Antwort: Einer der ersten Persönlichkeiten, auf die man verweisen sollte, ist ein Herr James Bryce. Er wurde von Thomas Watson, Senior irgendwann zwischen 1914 und 1917 eingestellt und keitete die Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Er war sehr kreativ und sorgte für zahlreiche Patente. Aber er hatte vor allem die Gabe, vorauszuschauen und IBM in Bereichen zu etablieren, in die wir ohne seine Hilfe vielleicht nie vorgestoßen wären.

Unter seiner Leitung experimentierte IBM in den 30er Jahren mit Elektronik. Und ohne seine Arbeit in den 30er Jahren hätte es IBM vielleicht nie geschafft, in den Markt für elektronische Computerspiele in den 40er und 50er Jahren einzusteigen.

Click here to view the embedded video.

Ein anderer Erfinder ist Arthur Samuel und seine Programme zur künstlichen Intelligenz in den 50er Jahren. Er hat praktisch ein selbstlernendes Programm entwickelt, das Dame gegen einen menschlichen Mitspieler spielen kann. Es ist schon gespenstisch, dass das dem vorausgriff, was wir in den 90er Jahren mit dem Schachcomputer Deep Blue machten, der sich immerhin mit Schachgroßmeistern messen konnte. Und 10 Jahre später haben wir es mit Watson mit den Besten im Jeopardy-Spiel aufnehmen können.

Und auch Ted Codd muss erwähnt werden. Er entwickelte das Konzept für relationale Datenbanken, das den Einzelhandel vor allem in den 70er Jahren revolutionierte. Das war etwas, was sich niemand zuvor einfallen ließ. Es war allein sein Konzept. Er war auch im IBM Forschungsteam.

Frage: Viele wissen auch nicht, dass IBM seit Beginn integraler Bestandteil des Weltraumprogramms der USA ist.

Antwort: Wir sind mit dem US-Weltraumprogramm seit den 50er Jahren verbunden, schon bevor es die NASA gab. Und die Beziehung dauert an.



Die Pathfinder-Mission zum Mars wurde mit IBM-Technik durchgeführt. Watson Senior hätte sicher zugestimmt: Ich denke er wollte den Namen in Intergalactic Business Machines ändern. Es gibt nicht gerade viele Leute die von sich behaupten können, dass ihre Produkte auf dem Mars liegen. Aber IBM gehört dazu. Und ThinkPads waren oft im Weltraum. Wenn man herausfindet, was im Weltraum gut funktioniert, dann bleibt man dabei. Zahlreiche US-Astronauten verwendeten im All IBM-Produkte.

Die Mondlandung war eine Herausforderung, der wir uns gestellt haben. IBM war ein enger Partner, als es darum ging, Menschen auf den Mond zu bringen. Ein Saturn-Steuerungsmodul haben zum Beispiel wir gebaut.

Frage: Gibt es Momente, die für sie persönlich herausragend sind, wenn sie bei IBM herumgehen und denken: Das wird sicher einmal ein wichtiger Archiv-Bestandteil?

Antwort: Die meisten für mich persönlich wichtigsten Momente waren Gespräche mit langjährigen IBM-Mitarbeitern. Ich werde nicht gerade schnell beseelt von Ideen – das liegt mir einfach nicht. Aber wenn man sich mit diesen Leuten unterhält und sie darüber sprechen hört, an was sie teilweise über Jahrzehnte gearbeitet haben und noch immer das Feuer sieht, das sie für diese Arbeit haben, dann sorgt das schon für Gänsehautmomente.

Click here to view the embedded video.

Ich weiß nicht ob Sie das IBM 1401-Filmchen kennen, es ist 5 Minuten lang und sehr eindrucksvoll. Man sieht Leute im Alter von 70 und 80 Jahren und sie sprechen über das Unternehmen und man sieht immer noch, wie wichtig es ihnen ist. Das sind die Momente, die auch mir wichtig sind. Das finde ich inspirierend – und es ist ziemlich interessant, die Passion zu sehen, die diese Leute entwickelt haben.

[Interview mit IBM Personal History Keeper Paul Lasewicz, der seit 1998 IBMs Corporate Archivist ist]

[Brian Barrett / Andreas Donath]